Nackenschmerz (Cervikalsyndrom)

Der Atlas ist nicht nur der Riese, der in der griechischen Sage das Himmelsgewölbe trägt, sondern auch die medizinische Bezeichnung für den ersten Halswirbel, den Träger des Kopfes.
Zwei Arterien verlaufen in der Halswirbelsäule (HWS) in engstem Kontakt zu Halsnerven und Gelenken – in den oberen Wirbelkörpern sogar in einem Knochenkanal. Sie versorgen so den hinteren Gehirnanteil mit sauerstoffreichem Blut. In diesem Versorgungsgebiet liegen Steuerungszentren für unser Gleichgewicht, Sehen, Hören, die Feinmotorik, Teile der Grobmotorik und vieles mehr.

Wie entsteht nun eigentlich das Cervikalsyndrom – der Nackenschmerz ?
Durch falsche Kopf-und Rückenhaltung kommt es (leider immer häufiger bereits ab dem Schulalter) zu Verspannungen und durch die falsche Benützung der einzelnen in Fehlhaltung befindlichen Wirbelkörpergelenke zur Schwächung der tiefen Nacken / Halsmuskulatur.
Weitere negative Faktoren sind der uns alle betreffende Mangel an ausgleichender Bewegung. Wir sitzen zu lange und zu viel, und geben unserem „Bewegungsapparat“ zu wenig Gelegenheit sich auf natürlichem Wege zu erholen.
Der Umstand, daß in Österreich bereits 19% der 7-12 jährigen Schüler gelegentlich Rücken – oder Kopfschmerzen haben, bedarf dringend einer Änderung! Der Rücken und  Nackenschmerzproblematik wird aber meist nur durch medikamentöse Schmerztherapien Einhalt geboten, zu einer effektiven Abklärung der auslösenden Ursachen kommt es leider zu selten.
In weiterer Folge gesellen sich Abnützungserscheinungen hinzu: ab dem 30.Lebensjahr beginnen die Bandscheiben ihre Elastizität durch Flüssigkeitsmangel zu verlieren, der Zwischenwirbelraum wird schmäler. Durch einseitige statische Belastungen und stereotype Bewegungen (Schreibtisch, Computer) wird die Wirbelsäule in eine Fehlhaltung  und Fehlbelastung der kleinen Wirbelgelenke gezwungen. Dabei nicht zu vergessen sind die häufig verwendeten unergonomischen Kopfpölster und Matratzen auf denen wir ein Drittel unseres Lebens ruhen; der Kreislauf beginnt:

  – leistungsmindernder Spannungs (Schul)-kopfschmerz
  – häufig falsch als „Migräne“ fehlgedeuteter Kopfschmerz
  – Schwindel, Ohrgräusche (Tinnitus), Schluckbeschwerden
  – Heiserkeit („Frosch im Hals-Syndrom“)
  – Konzenrationsstörungen, manchmal dadurch ausgelöste
  – Angst und Panikattacken

Der Zweitschlag
Erleidet eine wie oben beschrieben vorbelastete Halswirbelsäule einen Zweitschlag (Autounfall, „Verreißen“, Verlegen, aber auch nur kleine Fehlbewegungen) so kommt es zum akuten Zervikalsyndrom oder im schlimmeren Fall zu einem Bandscheibenschaden, der dann die Nervenwurzel bedrängt.
In beiden Fällen sind röntgenologisch meist bereits fortgeschrittene Abnützungen erkennbar (Fehlhaltung, Arthrose der Wirbelgelenke, Bandscheibenverschmälerung).
In der auch Details der Weichteile wiedergebenden MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie) oder CT (Computertomographie) Darstellung können Bandscheibenvorfälle, Vorwölbungen, die Nerven betreffende Wirbelkanaleinengungen oder manchmal auch Tumore sichtbar gemacht werden.

Dieser erwähnte Zweitschlag, aber auch nur Bagatellereignisse, verursachen anfänglich fast immer starke Beschwerden, die dennoch zumeist konservativ behandelt (Tabletten, Ruhe, Massagen, Stromtherapie) nach zwei bis sechs Wochen abklingen. Im Zustand der Besserung richtet der Körper ab nun einen „Pseudogesundheitszustand“ ein.

Ein Schmerz wird chronisch
Trotz Fehlhaltung, abgenützter Gelenke und massiver muskulärer Schwächen, bleibt die HWS in einer Balance, die zwar keine Bewegungen wie früher zuläst, aber dafür auch nicht stark schmerzt. Es entsteht das chronische Zervikalsyndrom. Bei weiteren Störungseinflüssen im Laufe des Lebens wird es immer schwieriger werden die Probleme in den Griff zu bekommen.

Die vielfältigen Begleitstörungen (Kopfschmerz, Ohrgeräusch, Schluckstörung, Schwindel,..) hängen mit der anfangs beschriebenen engen Nachbarschaft der Halsstrukturen zusammen. Sowohl Nerven, als auch Gefäße liegen den Wirbeln extrem nahe. Jede einzelne Gelenkskapsel (7 Halswirbel, je zwei Kapseln) ist mit überdurchschnittlich empfindlichen Messfühlern bestückt. So wird bei jeglicher Art von Störung des Kopf-Nacken-Systems durch das Gehirn ein „Schutzhartspann“ der kräftigen 36 Nacken / Halsmuskeln aktiviert. Diese Spannung wiederum drückt auf Arterien, Nerven und Gelenkkapseln und fixiert die Halswirbelsäule in einer „einzementierten“ Schonhaltung. Die dort beleidigten Gelenke oder Nerven leiten diesen chronischen Reiz permanent an das Gehirn weiter. Zum Schutz wird somit indirekt noch mehr Muskelspannung angefordert. Der Kreislauf dreht sich.

Ich gehe bei diesen Beschreibungen bewusst den Diagnosedetails wie Bandscheibenvorfall und akutem Zervikalsyndrom aus dem Weg, da ich nur die Zusammenhänge und die Wichtigkeit von Haltung, gesunder Muskulatur und regelmäßiger Bewegung aufzeigen will.

Zu wem soll ich gehen ?
Die Abklärung der HWS Beschwerden sollte ausschließlich durch den geschulten Fach/Arzt mittels Röntgen, eingehender „be-greifender“ Untersuchung (Manualtherapie=Chirotherapie) und ergänzend eventuell durch Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) erfolgen. Der ManualtherapeutIn kann funktionelle Störungen feststellen und den Patienten auf den bestmöglichen Therapieweg leiten.
Dass 100% ige Heilungen in fortgeschrittenen Erkrankungstadien nicht mehr möglich sind, ergibt sich dabei von selbst. Aber sowohl die rechtzeitige Auffindung von kindlich/jugendlichen Störungen, als auch die Einleitung einer Therapie bei älteren Patienten ist in einer Zeit, in der der „Sitzmensch“ so stark dominiert, zu der wichtigsten Aufgabe der konservativen Orthopädie geworden.

Empfehlung: wenden Sie sich bitte an einen Facharzt ! Ein Masseur, Heilpraktiker, Energetiker oder ein reiner Chiropraktiker (kein Dr. der Medizin)
sind später vielleicht eine Hilfe für Sie, zur Abklärung komplizierter Krankheiten aber nicht die richtigen Ansprechpartner !  

Die Therapiemöglichkeiten
Die Akuttherapie im Schmerzanfall beinhaltet neben orthopädischen Infiltrationen, Schmerz.-und-Muskelentspannungsmittelgabe, die Zuweisung zu lindernden Massagen, Wärme und Stromtherapien.
Im chronischen Falle wird der Patient nach der Abklärung zunächst einer Heilgymnastik zugewiesen. Das Ziel ist die Verbesserung der Funktion, Kräftigung der Muskulatur, Haltungsänderung und das Erlernen von Übungen, die auch später vom PatienteIn alleine konsequent fortgeführt werden sollten. Gleichzeitig wird eine genaue Analyse vom Arbeitsplatz bis Autositz, von Sitzmöbeln bis zur Kücheneinrichtung und dem Bett und der Kopfpolsterverwendung begonnen, deren Ziel es ist, eine Ergonomisierung der täglichen Bewegungsabläufe zu erreichen.
Ebenso wichtig bei der Therapie des chronischen Schmerzes ist die Löschung der Schmerzmuster aus dem Gehirn. Diese kann durch gezielte Trainingstherapiemaßnahmen gut beeinflußt werden.

Jeder Sitzmensch von heute sollte sich bewusst sein, wie wichtig es ist, durch mehr Ausgleich, kürzeres aber richtiges Sitzen, gute Sitz-und Schlafmöbel und konsequentes körperliches Training, die optimalen Vorraussetzungen zur Erhaltung des bestmöglichen Zustandes seiner Wirbelsäule und Gelenke zu schaffen.
Diese Aufgabe erfordert Zeit – schließlich waren die Abnützungen auch nicht von einem Tag auf den anderen da – und kostet Geld (die meisten Krankenkassen steuern derzeit einmal im Halbjahr sechs Einzelheilgymnastikeinheiten mit 17.- bis 22.- €  bei).
Dieser Aufwand sollte es Ihnen aber auf alle Wert sein um gesund zu bleiben oder es zu werden.